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Kapitalismus
Im Kapitel Markt definierte ich das Wort Kapitalismus als eine Denkweise (ismen) vom Kapital her. Doch was bedeutet
Denkweise vom Kapital her konkret?
Um diese Frage zu beantworten können wir die Ergebnisse der vorhergehenden Betrachtungen zusammenfassen.
Im Kapitel Zins habe ich den “persönlichen- Zins-Breakeven” eingeführt; zunächst unter dem Aspekt ob sich das Zinssystem für
den einzelnen Sparer überhaupt lohnt. Wir konnten sehen, dass dies nicht der Fall ist. Die Mehrheit zahlt drauf, die
vermögende Minderheit sammelt ein. Da aber die Wirtschaft auf Dauer nur funktionieren kann wenn sie an Kapital heran
kommt sind die Kapitalkosten, die jeder Konsument zahlt, der notwendige Preis. Es wäre also nicht so sehr eine Frage ob es
sich lohnt oder ob es Gerecht sei, sondern eine Frage der Funktionalität.
Geld sollte im Umlauf sein. Wird Geld gehortet hat das - wie wir gesehen haben - binnen kurzer Zeit einen schlechten Einfluss
auf die reale Wirtschaft. Der Zins soll Lohn dafür sein, dass das Geld in den Umlauf kommt. Doch wie gesehen führt
offensichtlich auch der Zins dazu, das sich Geldvermögen häufen und zwar infolge der natürlichen Ungleichheit von
Einkommen und Verhaltensweise der einzelnen Marktteilnehmer.
An dieser Stelle erinnere ich nochmals, dass dies hier eine ganz grundsätzliche Betrachtungsweise des Geldsystems ist. Wir
kriechen gewissermaßen im Fundament herum. Im Alltag wird dieses Fundament nicht beachtet. Im Alltag sieht man die
jeweiligen aktuellen Verhältnisse vor dem Hintergrund allgemeiner wirtschaftlicher Verhältnisse, der Vielzahl politischer
Umstände, der technischen und kulturellen Entwicklung usw. usf. Infolge dessen wirkt sich das Geldsystem sehr
unterschiedlich aus so dass die meisten Menschen glauben, die Ursache von Problemen läge in den jeweils aktuellen
Situationen; im fehlerhaften Verhalten einzelner Marktteilnehmer, beim Staat, bei den Banken, der menschlichen Gier usw.
Zweifelsfrei werden dort Fehler gemacht, die anzugehen zum notwendigen tagespolitischem Geschäft gehört. Dennoch sind sie
letztlich sekundär und wirken auf dem Fundament des Geldsystems.
Wir finden hier die Möglichkeit die grundsätzliche Wirkungsweise in aller Ruhe jenseits komplexer Verstrickungen zu
betrachten. Beim persönlichen Zinsbreakeven fällt auf, dass die Masse der Sparer zwar zusammen das meiste ersparte
Geldvermögen besitzen (können), aber nur die reichere Minderheit wirklich verdient, weil sie oberhalb des Breakeven liegt.
Darüber hinaus geben sie nur einen Teil dessen aus, was sie verdienen. In der Summe bekommen sie also immer mehr Geld.
In unserem Modell ist aber die Geldmenge (zunächst) begrenzt. Wenn sich bei den Einen immer mehr Geld ansammelt wird
dieses zwangsläufig bei den Anderen fehlen: sie können somit weniger konsumieren bzw. produzieren. Sie können sich aber
das fehlende Geld leihen. Damit kommt das überschüssige Geld wieder in den Kreislauf. So ist es gut und so soll es sein - der
Zinstheorie nach. Die Umlaufsicherung wirkt. Dumm dabei ist nur, dass das Vermögen der Vermögenden immer größer wird
und zwangsläufig die Geldnot der anderen. Diese anwachsende Geldnot hat Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Einzelne
Marktteilnehmer gehen in die Insolvenz und sind raus aus dem Spiel. Sie hüpfen durch den Wald hinter Kaninchen her. Für den
einen oder anderen Gläubiger hat das auch spürbare Auswirkungen: sie verlieren ihr Vermögen. Insgesamt reduziert sich so
auch das Zins fordernde Kapital. Die Pleitewelle verursacht in einigen Bereichen Angebotsmängel und so steigen dort die
Preise. Das lockt die arbeitslos gewordenen Waldhüpfer an, sie beginnen wieder produktiv zu werden und das Spiel beginnt
von vorne.
Als abstrakte Simulation bei der die Menschen nur Funktionseinheiten sind, ergibt dieses Modell ein System, das zwischen
Crash und Vermögensaufbau hin- und her pendelt. Die grundsätzliche Idee des Zinses ist es aber zu vermeiden das durch
Geld horten Instabilität in die Wirtschaft kommt. Aber auch das Zinssystem scheint zur Instabilität zu führen.
Die Realität ist natürlich anders. Menschen warten nicht brav im Wald bis sich die Zeiten geändert haben. Soziale und
politische Folgen der unerquicklichen Art stellen sich ein. Dennoch lässt sich das Problem weiter (auf zunächst abstrakter
Ebene) untersuchen und nach Abhilfe forschen. Wir fangen also damit an vom Kapital her zu denken! Nicht die reinen real
wirtschaftlichen Fragen stehen im Vordergrund, sondern die Frage, wie das neutrale Tauschmittel Geld so eingesetzt werden
kann, bzw. was geschehen muss, damit es nicht zu einem Zusammenbruch kommt und nicht zu Letzt, dass sich das Geld
vermehrt!
Eine der Möglichkeiten liegt darin, den Preis für Waren und Dienstleistungen generell zu erhöhen um so die notwendigen
Zinszahlungen auszugleichen. Die Inflation fände sich im Preis wieder. Die größer werdende Geldmenge verliert so weit an
Kaufkraft, dass die Zinsgewinne aufgezehrt werden. Praktisch funktioniert das so plump nicht. Erstens lässt die
Wettbewerbssituation nicht unbedingt entsprechende Preiserhöhung für alle zu, zweitens verlieren nicht nur diejenigen an
Kaufkraft, die entsprechend hohe Zinseinkommen haben sondern auch die vielen, die nicht diese Überschüsse haben - mit den
entsprechenden wirtschaftlichen Folgen und drittens wäre das Zinssystem an sich absurd.
Eine weitere Möglichkeit liegt im Wirtschaftswachstum. Wenn 100 GE 100 WE entsprechen und die GE um z.B. 3% auf 103 GE
steigen (durch Kredite) verliert das Geld seinen Tauschwert nicht wenn auch die WE um 3% steigen. Natürliches Wachstum
entsteht durch Bevölkerungswachstum oder eines Ausweiten des Wirtschaftsraumes und bzw. oder durch zusätzliche Produkte,
die nachgefragt werden. In beiden Fällen sind Kredite notwendig um diese Leistungen vor finanzieren zu können - sie müssen
ja schließlich erst einmal erbracht werden bevor sie gehandelt werden können. Es ist also der klassische Fall wo durch sparen
(Geld verleihen oder investieren) neues und zusätzliches entsteht. Die Wirtschaftswelt ist in Ordnung solange das Wachstum in
passender Größe anhält.
In unserem einfachen Modell ist die Menge des Geldes begrenzt. Zwar muss gegebenenfalls die Menge der amtlichen
Zahlungsmittel erhöht werden, damit der Zahlungsverkehr nicht ins stocken gerät. Auch ist die Bank in diesem Modell eine
reine technische Vermittlungsinstanz. Die Bank führt nur die Konten.
Das natürliche Wirtschaftswachstum ist nun aber begrenzt, Auf einem höheren wirtschaftlichen Niveau beginnen die genannten
Probleme wieder zu wirken. Wachstum muss erzwungen werden. Wie aber geht das?
In den höheren Etagen unseres Finanzgebäudes gibt es im wesentlichen zwei Modelle: die Angebotstheorie und die
Nachfragetheorie. Bezogen auf unserer festgestellten natürlichen Funktion des Marktes von Angebot, Nachfrage, Preis und
Leistung bedeutet das, wenn die Anbieter nicht genügend Nachfrager finden, das sie den Preis ihrer Leistung reduzieren
müssen. Dies ist der Kern der Angebotstheorie. Da die Geldgeber (Investoren) natürlich nur ihr Geld geben wenn die
entsprechende Rendite erbracht wird, bedeutet dies, die Anbieter müssen in der Produktion die Kosten senken.
Den größten Kostenfaktor bildet in der Regel die Arbeit. Arbeit kostet nun mal Arbeit um das flapsig auszudrücken. Demnach
steht hier auch das größte Einsparungspotential zur Verfügung. Durch die verschiedensten Formen der Rationalisierung
werden diese Kosten gesenkt, es werden Arbeitsplätze abgebaut, auf die Löhne wird Druck ausgeübt und die
Beschäftigungsverhältnisse werden “prekär”. Dies dient zum einen der Rendite und zum anderen verbessert sich die
Wettbewerbssituation. Die Rechnung geht sogar auf, zumindest zunächst. Investoren auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten
schaffen sogar neue Arbeitsplätze - allerdings zu niedrigen Löhnen und zu einem deutlich erhöhten Leistungsdruck. Da die
Preise der Produkte auch niedriger werden, nicht zuletzt in Folge des Wettbewerbes, können sich auch die Niedriglöhner viele
Produkte leisten. Allerdings kommen auch immer mehr “Billigprodukte” auf den Markt, von minderer Qualität. “Geiz ist Geil” wird
zeitweilig zu einer erfolgreichen Einstellung der Marktteilnehmer.
Durch die Angebotstheorie wurde der Wirtschaft ein weiterer Wachstumsschub beschert. Das grundlegende Problem ist aber
nicht gelöst. Denn auch dieses Wachstum ist schließlich begrenzt, nicht zuletzt weil immer mehr Marktteilnehmer ausscheiden.
Dies führt zwar zu Kapitalverlust und damit wieder zu einem geringeren Zinsdruck. Letztlich ist die Entwicklung für die
Kapitaleigner, für die Marktteilnehmer und für die wirtschaftliche Entwicklung insgesamt nachteilig. Die Lösung liegt, wie sollte
es auch anders sein, im Wachstum. Doch wie kann man es erreichen.
Die Lösung ergibt sich aus den Bedingungen für Wachstum: erstens bedarf es zusätzlicher Produkte (Innovation) und zweitens
muss der Wirtschaftsraum vergrössert werden (Stichworte: EWG, bilaterale Handelsabkommen, EU, Globalisierung). Alle diese
Maßnahmen sind geeignet immer wieder neue Wachstumsschübe zu verursachen. Sie ändern auf Dauer aber nichts an der
Tatsache, das die Ungleichgewichte bei den Geldvermögen immer deutlicher werden. Obwohl die Angebotstheorie den Staat
eigentlich gar nicht gerne in das wirtschaftliche Geschehen lässt bekommt er immer mehr Aufgaben. Er muss durch soziale
Programme verhindern dass die wachsende Armut gravierende politische Folgen hat. Er versucht immer und immer wieder das
Wachstum zu unterstützen, er subventioniert direkt oder indirekt (Steuervergünstigungen, Lohnsubvention) Unternehmen.
Finanziert wird dieses aber nicht durch Steuereinnahmen (was ja als schädlich für das Wachstum gilt) sondern durch
geliehenes Geld. Und Geld, das verliehen werden möchte gibt es im laufe der Jahre genug durch die anwachsenden
Vermögen. Letztlich wird das Wirtschaftswachstum durch Schulden finanziert. Spöttisch ausgedrückt, der Staat übernimmt
zunehmend die Aufgabe eines Reparaturbetriebes für den Kapitalismus. Oder Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert.
Hinzu kommt, das für die anschwellenden Geldvermögen nach renditeträchtigen Anlagemöglichkeiten gesucht wird: es kommt
zu “Blasenbildung” bei Aktien, Immobilien, Rohstoffen und was sonst noch als Werterhaltend ausgemacht wird. Die
Angebotstheorie ist letztlich also auch nur geeignet den unvermeidlichen Geldsystemkollaps hinaus zu zögern.
So wie man grundsätzlich erklären kann wie über die auf Dauer unverträglich wirkende Funktion des Persönlichen Zins Break
Even es zu einem Systemkollaps kommt so kann man diese Funktion auch bei allen unterschiedlichen Wirtschaftsmodellen
erkennen und damit erklären warum diese auf Dauer nicht wirksam sind. Die Nachfrage Theorie ist gleichfalls nicht geeignet
diesem Dilemma Paroli bieten zu können. Die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen durch Verschuldung anzukurbeln -
Verschuldung durch den Staat - setzt entsprechende Vermögen voraus und führt über den Zinsesszinseffekt zur Verschärfung
der Probleme. Die Folge ist, der Staat kommt gar nicht in die Lage, die Schulden wieder Nennenswert zu tilgen.
Wenn er es dennoch macht würgt er jegliche Wachstumsaussichten für lange Zeit ab.
Die bisherigen Betrachtungen dürften geeignet sein jedem die Möglichkeit zu geben selber die unterschiedlichsten Szenarien
durch zu rechnen. In den höheren Etagen unseres riesigen Finanz- und Wirtschaftsgebäudes scheint es dagegen
Mondmänchen und Marsweibchen zu geben, die dafür sorgen das alles irgendwie anders ist.
Kapitalismus definierte ich als “das Denken vom Kapital her”. In diesem Kapitel haben wir das schon reichlich getan. Doch die
Denkweise lässt sich in absurder Weise noch gut steigern.
Von der grundsätzlichen Konstruktion her ist Geld ein wichtiges Werkzeug für die reale, hochgradig arbeitsteilige Wirtschaft.
Die Denkweise vom Kapital her bedeutet aber praktisch, dass das Werkzeug immer wichtiger wird und nicht so sehr das, was
man damit machen kann. Der Finanzmarkt ist ein Markt bei dem es vorrangig, um nicht zu sagen ausschließlich um Geld geht.
Es stellt sich nicht die Frage, was ich mit dem Geld mache, es stellt sich die Frage, auf welche Art und Weise ich mit dem Geld
noch mehr Geld machen kann. Jeder kleine Sparer hat diese Denkweise schon verinnerlicht wenn er danach schaut wo die
meisten Zinsen zu bekommen sind. Diese Denkweise führt dazu dass sich das Finanzsystem mit der Zeit von der realen
Wirtschaft abkoppelt. Ein Bankmanager hat auf einer Tagung vor einigen Jahren mal gesagt, in Zukunft wird das
Arbeitseinkommen immer bedeutungsloser. Die Menschen gehen aus Spass zur Arbeit für Niedrig löhne und ihren
Lebensunterhalt bestreiten sie durch Kapitalerträge. Natürlich ist das Irreal, schon allein weil die meisten Menschen gar nicht
so große Vermögen haben um von der Rendite zu leben. Aber es ist konsequente Denkweise vom Kapital her - Geld und Welt
werden gleich gesetzt.
Wie weiter oben schon festgestellt sind Kapitalismus und Marktwirtschaft nicht das selbe. Die Denkweise “vom Kapital her”
macht es aber schwer die aufgezeigten Probleme zu erkennen, weil das Geldsystem in der bekannten Form als grundlegender
Faktor festgeschrieben scheint. Der größte Teil der Volks- und Betriebswissenschaft unterliegt dieser selbst verantworteten
Unmündigkeit, mit der Folge plötzlich vor Entwicklungen zu stehen (Überschuldung, Blasenbildungen, Crash) die entsprechend
der Lehre eigentlich nicht vorkommen dürften. Weiter unten wird eine Alternative entwickelt. Interessant wird sein das bei einer
kritischen Betrachtung dieser Alternative das Denken vom Kapital her immer wieder durchscheint und man in Fallen tappt die
man eigentlich sehen müsste, wenn man die grundlegende Funktionsweise des Geldsystems verstanden hat. An dieser Stelle
dürfte es sinnvoll sein sich nochmals zu vergegenwärtigen, dass Geld keinen Wert an sich hat und dennoch die Kraft besitzt,
das reale wirtschaftliche Wirken immer wieder in die Knie zu zwingen. Im nächsten Kapitel übertrage ich die grundlegende
Funktionsweise des Geldes auf dem wichtigsten Markt der realen Wirtschaft - dem Arbeitsmarkt.
(c) Klaus Dieter Schley 2011