Der Zins
Bei unserer Untersuchung der Sohle des riesigen Finanz- und Wirtschaftsgebäudes kriechen wir nun in einen Bereich der sich
als etwas verzwickter zeigt als die bisher untersuchten Regionen. Deswegen müssen wir etwas genauer schauen und langsam
von Ecke zu Ecke kriechen und zunächst jede Ecke für sich betrachten.
1000 Erwerbstätige leben auf einer Insel und jeder von ihnen verdient Monat für Monat 1000 GE (Geldeinheiten) die sie auch
gleich wieder, also Monat für Monat ausgeben. Somit beträgt die wirtschaftliche Leistung 1000 mal 1000 GE gleich 1 Million GE!
Eines Dezembertages kommen plötzlich 100 Erwerbstätige auf die Idee ab kommenden Januar 10% ihres Einkommens Monat
für Monat beiseite zu legen, also jeweils 100 GE zu sparen. 100 Erwerbstätige die jeweils 100 GE monatlich nicht ausgeben
verursachen dadurch auf der Insel eine wirtschaftliche Minderleistung von 10 000 GE - im ersten Monat des Sparens. Monat für
Monat fallen weitere 10 000 GE weg, im Dezember beträgt die Minderleistung schon 120 000 GE, also 12% gegenüber dem
Vorjahr. Das dürfte bedeuten, das etliche Erwerbstätige kaum noch oder gar kein Einkommen mehr haben. Auch einige der
Sparer dürften davon betroffen sein. Man kann sich jetzt die verschiedensten Szenarien überlegen wie die Menschen darauf
reagieren oder reagieren müssen. Manche machen Pleite, andere müssen ihr gehortetes Geld wieder ausgeben, wieder andere
fangen an aus Angst Geld zu horten, eine Zentralbank versucht durch Gelddrucken die Krise zu beseitigen usw. Kurz: das horten
von Geld (also die Sparsamkeit) führt zu einer Wirtschafts-- und Finanzkrise, genauer zu einer Krise des Geldsystems. Im
Volksmund in dieses Problem bekannt: So heißt es: “der Rubel muss rollen” oder “Taler, Taler, du sollst wandern von der einen
Hand in die des anderen”. Das Geldsystem funktioniert nur wenn das Geld im Umlauf ist. Um diesen Umlauf zu gewährleisten
gibt es seid Alters her den “Trick” das zeitweilig überflüssige Geld in den Kreislauf zurück zu holen indem ein Zins gezahlt wird an
denjenigen, der sein Geld verleiht. Der Zins hat somit die wichtige Aufgabe einer Umlaufsicherung. Diejenigen die
Konsumverzicht üben oder zeitweilig auf Investitionen verzichten leihen denjenigen das Geld, die für Investitionen Geld brauchen
oder denjenigen, die ihre Konsumwünsche vorzeitig erfüllt haben wollen. Nachfrager und Anbieter der “Ware Geld” treffen
aufeinander und verständigen sich über den Preis in Form des Zins. Das Geld ist somit ein Handelsgut wie andere Waren und
Dienstleistungen.
Wie unter dem Kapitel Verbraucher gesehen ist der Preis nicht nur abhängig von Angebot und Nachfrage sondern auch von den
Kosten, die ein Anbieter hat. Der Zins ist der Preis für geliehenes Geld. Doch welche Kosten gibt es wenn Geld verliehen wird?
In der Regel nutzen Sparer Finanzinstitute - z.B. Banken - um ihr Geld zu verleihen. Die Bank verleiht das Geld weiter an einen
Kreditnehmer. Die Zinsen, die der Kreditnehmer zahlen muss sind deutlich höher als die Zinsen, die der Sparer bekommt.
Für die Bank ist das Geld des Sparers gewissermaßen das Vorprodukt. Der Preis dafür sind die Zinsen für den Sparer. Des
weiteren hat die Bank Betriebskosten und muss Löhne zahlen und für die Besitzer der Bank sollte sie einen Gewinn
erwirtschaften und eine Dividende zahlen. Zwischen dem Sparer und dem Kreditnehmer vermittelt die Bank nicht nur sondern sie
stellt auch einen Risikopuffer da: Der Sparer ist im Allgemeinen vor Zahlungsschwierigkeiten des Kreditnehmers durch das
Finanzmanagement der Bank geschützt. Sie übernimmt das Risiko und lässt sich dieses Risiko durch die Kreditnehmer durch
einen entsprechenden Risikoaufschlag beim Zins bezahlen. Geld wird oft für mehrere Jahre verliehen. In der Zeit kann es an
Kaufkraft verlieren (Inflation). Ein entsprechender Ausgleich kann in den Kredit zuallerletzt auch noch einkalkuliert sein.
Für die weitere Beobachtung interessiert nun vor allem der Zinsanteil der an den Sparer geht.
Im Kapitel “Verbraucher” wurde erklärt, dass der Verbraucher letztlich alle Kosten zu zahlen hat. Somit zahlt er auch die Zinsen
der Sparer. Nun ist aber der Sparer auch Verbraucher und als solcher zahlt er Zinsen. Die Frage ist nun, zahlt er mehr Zinsen als
Verbraucher oder bekommt er mehr Zinsen als Sparer?
Wir stellen ja eine grundsätzliche, eine fundamentale Betrachtung unseres riesigen Finanz- und Wirtschaftssystems an. Deshalb
werden im folgenden einige Momentaufnahmen gemacht um das Verhältnis zwischen Zinszahlern und Zinsempfängern zu
verdeutlichen. Dabei sollte beachtet werden das es sich nur um den Zinsanteil handelt, der als Umlaufsicherung fungiert, also
den Teil, den man bekommt ohne eine reale wirtschaftliche Leistung zu erbringen.
Nehmen wir also an auf unsrer Insel mit den 1000 Erwerbstätigen würde jeder pro Monat 1000 GE verdienen, somit 12000 GE.
Ihren Verdienst geben sie grundsätzlich Monat für Monat auch wieder aus. Jeder Erwerbstätige besitzt zudem ein Sparkonto mit
10000 GE, das mit 3% verzinst wird. Sie bekommen also 300 GE nach einem Jahr ausgezahlt. Insgesamt werden 300 000 GE
an Zinsen gezahlt. Die Kreditnehmer sind die Erwerbstätigen und die berechnen die Kreditkosten - die Zinsen - ihren Kunden.
Unter der Annahme vollkommener Gleichheit im Einkommen und bei den Ausgaben zahlt somit jeder Erwerbstätige im Laufe des
Jahres 300 GE an Zinsen und am Ende des Jahres bekommt er diese für sein Sparguthaben wieder aus - genauer
zurückgezahlt. Unter dem Strich bleiben also 0 GE übrig. Der Zins wäre also unnötige Arbeit, eine Illusion und somit überflüssig.
Nun ist das Beispiel aber reine Fiktion. Diese angenommene totale Gleichheit beim Einkommen, Geldvermögen und beim
Konsum gibt es ja nicht. Im folgenden Beispiel habe ich daher eine etwas realistischer Betrachtungsweise aufgeführt die
zunächst auch wieder eine Momentaufnahme ist: Von links gesehen: in der ersten Spalte sind die Erwerbstätigen in
Einkommensgruppen aufgeteilt. Die größte Einkommensgruppe hat pro Person das geringste Jahreseinkommen und die kleinste
Einkommensgruppe erhält das größte Jahreseinkommen. In der dritten Spalte sind die jeweiligen Einkommen der Gruppe
aufgeführt und addiert zu 12.000.000 GE. Die 1000 Erwerbstätigen sparen 1 Mio. GE (6.Spalte), allerdings mit verschiedenen
Sparleistungen pro Einkommensgruppe (4. Spalte in % bzw. 5. Spalte in GE). Die unterste Einkommensgruppe hat dabei die
geringste Sparleistung (sie lebt gewissermaßen von der Hand in den Mund) und die oberste Einkommensgruppe hat die größte
Sparleistung pro Person. Die Spalte sieben zeigt die individuellen Konsumausgaben pro Person und Jahr, und die
Konsumausgaben der ganzen Einkommensgruppe ist in Spalte acht aufgeführt. Die Summe der Konsumausgaben beträgt
11.000.000 GE. Der Zinssatz wurde mit 0,03% festgelegt und da die Summe des gesparten Geldes 1.000.000 GE (6.Spalte)
beträgt ergibt sich daraus ein Summe von 30.000 GE (10.Spalte). Die 30.000 GE müssen ja irgendwo herkommen. Und natürlich
kommen sie von den Konsumenten, die 11.000.000 GE ausgegeben haben, somit sind die Zinsen darin enthalten und zwar
0,0027 GE pro GE Konsumausgaben - also ein sehr, sehr geringer Anteil bei diesem Beispiel. Daraus ergibt sich der Wert in der
elften Spalte, nämlich die gezahlten Zinsen der jeweiligen Konsumenten, die zwölfte Spalte weist den Wert der Gruppe auf. In
der letzten Spalte wird nun das Verhältnis zwischen den erhaltenen Zinsen zu den gezahlten Zinsen aufgezeigt.
Die Tabelle kann man nun nach Einkommensgruppen analysieren. Mit gut einem drittel der Erwerbstätigen ist die unterste
Einkommensgruppe die größte. Das Gruppeneinkommen ist aber auch nicht sehr groß und die Sparleistung ist sehr gering. Die
unterste Einkommensgruppe lebt “von der Hand in den Mund”. Dementsprechend ist das Verhältnis zwischen erhaltenen
Sparzinsen und gezahlten Zinsen: der Wert 0,09 bedeutet, nur 9% der gezahlten Zinsen kommen durch Sparerträge zurück. Die
größte Gruppe ist die mittlere Gruppe - die Mittelschicht. Sie hat als Gruppe auch die größte Einkommenssumme und die größte
Summe an Konsumausgaben. Auch die Summe der erhaltenen Zinsen ist bei der Mittelschicht am größten. Allerdings ist das
Verhältnis zwischen erhaltenen Zinsen und mit den Konsumpreisen gezahlten Zinsen kleiner als 1 Erst bei der Gruppe der
oberen Mittelschicht und bei den wenigen Reichen in unserem Beispiel liegt das Verhältnis deutlich über eins und die zwei
Reichsten bekommen fast den achtfachen Zins als sie selber zahlen obwohl jeder von ihnen soviel Konsumausgaben hat wie
alle 350 Personen der unteren Einkommensschicht zusammen.
Natürlich ist dies nur ein fiktives Beispiel. Die Realität sieht anders aus. Die unteres Einkommensschichten hat zu meist gar
keine Zinseinnahmen und das Geldvermögen der obersten Schicht ist weitaus größer. Dagegen ist das Vermögen der
Mittelschicht im Durchschnitt geringer. Doch darauf kommt es bei der Betrachtung nicht an. Entscheiden ist die letzte Spalte: das
Verhältnis zwischen erhaltenem Zins und gezahlten Zins:ist es größer als eins gehört man zu den Gewinnern des Geldsystems.
Dieser Wert - ich nenne ihn den persönlichen Zins-Break-Even - ist, wie man sehen kann abhängig von Zins bringendes
Vermögen und im Verhältnis dazu den Ausgaben. Einen positiven Wert bekommt man nicht nur bei großen Vermögen sondern
auch wenn es einem gelingt möglichst viel zu sparen und möglichst kaum etwas auszugeben. Jemand der etwas geerbt hat und
das Zins bringend verliehen hat, ansonsten auf der Straße vom Betteln lebt dürfte, ebenfalls einen positiven Wert erhalten.
Als Ergebnis der Betrachtung kann man an dieser Stelle festhalten dass das Zinssystem mit dem Anteil des arbeitsfreien
Einkommens grundsätzlich gesehen unsinnig ist, weil unproduktive Kosten entstehen die man als Verbraucher zahlen muss.
Sinnvoll ist das Zinssystem allerdings dann, wenn das Geldvermögen so groß ist, dass die Zinseinnahmen größer sind als die
Ausgaben.
Zu dem aufgeführten Beispiel kann man nun sagen, o.k., das ist ja nur eine Momentaufnahme. In der Realität spart man ja schon
mal ein paar Jahre. Und da dürfte das mit dem Zins-Break-Even schon
anders aussehen. In den folgenden sechs Tabellen habe ich
entsprechende Szenarien simuliert (Die Tabellen lassen sich durch
anklicken auf ein lesbares Maß vergrößern). Der Zinssatz auf der
linken Seite beträgt 3%, auf der rechten Seite dagegen 6%. In der
jeweils ersten Tabelle wird eine Sparleistung von 2% des monatlichen
Einkommens angenommen, dann 4% und unten sind es 10%. Der
Zeitraum beträgt jeweils 40 Jahre und die Zinsen werden wieder
veranlagt (Zinseszins).
Die entscheidende Spalte ist die Rechte. Wenn der Wert positiv wird
gehört man zu den Gewinnern des Zinssystems. Allerdings muss man
teilweise viele Jahre sparen. Je höher die Sparleistung ist desto eher
erreicht man einen positiven Wert. Und auch die Höhe des Zinssatzes
ist dafür entscheidend - selbst wenn er in gleicher Höhe in den Preisen
enthalten ist, wie in den Beispielen angenommen wird. Hier macht sich
der Zinsesszinseffekt bemerkbar.
Natürlich sind das alles nur Simulationen. Die Wirklichkeit sieht
komplexer aus. So dürfte der durchschnittliche Zinsanteil in den
Preisen höher sein, als der durchschnittliche Zinssatz, den der
durchschnittliche Sparer erhält. Denn die großen Geldgeber können oft
als Investoren andere Konditionen erzwingen als ein durchschnittlicher
Sparer. Auf jeden Fall kann man als Ergebnis folgende Punkte
festhalten:
Der zentrale Sinn des Zins liegt in seiner Eigenschaft als
Umlaufsicherung. Bei genauem hinsehen entpuppt sich dies aber als
Illusion für die meisten Sparer. Sie zahlen drauf ohne eine wirkliche
Gegenleistung dafür zu bekommen. Allenfalls als Skonto lässt sich der
Zins verbuchen. Wer aber über den persönlichen Zins-Break-Even ist
profitiert. Doch was ist eigentlich mit der Inflation, die ja immer im
Zusammenhang mit dem Wert von Geldvermögen betrachtet wird. Dazu
auf der nächsten Seite ein paar genauere Betrachtungen:
Die Inflation - ein böses Mädchen
Vorläufige Fassung: an dieser Seite wird noch gearbeitet!
(c) Klaus Dieter Schley 2011